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Impuls zum 9. August 2026

Zum 19. Sonntag im Jahreskreis

Von Odilo Metzler (Stuttgart), pax christi-Bundesvorsitzender

Hab Mut
1. Lesung: 1 Könige 19,9ab.11b-13 Gott nicht im Sturm, sondern im Säuseln
2. Lesung: Römer 9,1-5 Ich bin in Trauer um meiner Brüder willen

Evangelium: Matthäus 14,22-33
Nachdem Jesus die Menge gespeist hatte, drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten.
Als es Abend wurde, war er allein dort. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.
In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.

Gedanken zum Evangelium
Die Seesturmgeschichte ist ein Bild für die Erfahrung der jungen Kirche: Der Auferstandene ist nicht mehr da, nicht zu sehen und nicht zu fassen. Nach dem Teilen und dem Mahl der 5000 schickt er auch die Freundinnen und Freunde weg. Jesus zieht sich zurück auf den Berg. Sie sollen ihm über den See vorausfahren. Eigentlich kein Problem für erfahrene Fischer. Doch sie geraten in Seenot. 

Es ist in der vierten Nachtwache, zwischen drei und sechs Uhr morgens. Eine interessante Deutung von Anselm Grün ist, dass diese Zeit für die Mitte des Lebens steht. Im Zenit des Lebens, wenn man aufgebaut hat, was man erreichen will, brechen Sicherheiten weg, man verliert den inneren Halt. Es stellt sich ganz neu die Frage: Was trägt mich im Leben? Worauf vertraue ich? 

Eine andere Deutung ist, dass das Boot mit Jesu Gefährtinnen und Gefährten für die Kirche(n) steht. Diese Deutung war meines Erachtens sehr aktuell. Menschen verlassen die Kirchen, den jungen wird sie immer fremder. Sie verliert an Bedeutung und Ansehen. Sie kämpft um ihre Rolle und ihren Platz in der Gesellschaft. Ich war in Bonn im Haus der Geschichte, das die deutsche Nachkriegszeit in Ost und West präsentiert. Da kommen die Kirchen kaum noch vor. 
Eine dritte Deutung sehe ich im schwankenden Boot als Bild für unsere globale Gesellschaft, für unsere Welt. Die Menschheit ist im Zenit ihrer Herrschaft auf der Erde, ihrer (Über-) Nutzung, dem Wissen und der Technik bis zur KI. Mit internationalen Vereinbarungen haben wir auch die Fähigkeit und Instrumente gefunden, weltweit Gerechtigkeit zu schaffen, abzurüsten und den Planeten zu schützen. Nun sind wir dabei, durch multiple Krisen und so viele Kriege gleichzeitig die Lebensgrundlagen zu zerstören.  

In der Geschichte begegnet der Auferstandene den Jüngerinnen und Jüngern auf dem See an ihrem Tiefpunkt, als sie ihr Leben nicht mehr in der Hand haben, sie sehen ihn als Gespenst über dem Wasser, als Bedrohung. Als sie ihn erkennen, tut Petrus, was für einen Fischer Unsinn ist: er steigt aus dem Boot, um auf dem Wasser zu gehen – und geht prompt unter. Er ruft nach Rettung. Jesus tadelt ihn, warum er nicht mehr Vertrauen hat, hält ihm die Hand entgegen und nimmt ihn mit ins Boot. 

Die Wahrheit über uns (und die Kirche und die Weltgemeinschaft) heißt: Wir Menschen leben nicht aus eigener Kraft und eigener Sicherheit. Weder Bankkonten noch Kriegstüchtigkeit tragen uns über die Abgründe des Lebens und der Zeit. 

Jesus antwortet mit einem dreifachen Zuspruch. Habt Vertrauen. Ich bin es. Fürchtet euch nicht! Ich bin es, Jahwe, ist der Gottesname. Fürchtet euch nicht. Ein Programm für die Mitte des Jahres und die Mitte des Lebens.
Petrus macht, was wir eigentlich machen möchten: Er steigt aus dem Boot der Angst, geht über das Chaos auf Jesus zu. Dann geht es ihm wie uns: Er sieht die Gefahr, spürt die Angst: Ich gehe unter. Doch er hält Jesus im Blick: Herr, rette mich! Es ist die Einsicht, wir brauchen ihn wie früher die Seefahrer die Sterne. Wir brauchen den Himmel für die Abgründe des Lebens. 

Jesus heißt: Jahwe, „Ich bin es“ rettet. Deshalb finde ich den Rüffel, den der Evangelist Matthäus Jesus in den Mund legt, zu streng: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt! Ich glaube, das ist mehr Matthäus als Jesus.
Die Mitte dieses Evangeliums ist: Habt Vertrauen. Ich bin es. Fürchtet euch nicht!  Oder nach dem Motto des Katholikentags: Hab Mut, steh auf!

Gebet
"Herr, wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten. Wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: 'Wach auf, Herr!'"

Papst Franziskus, 27. März 2020, Gebet in der Corona-Pandemie vor dem leeren Petersplatz

Er möge uns seine Schulter geben
Im übrigen meine ich daß Gott uns das Geleit geben möge
Immerdar
Auf unserem langen Weg zu unserer Menschwerdung
Auf dem endlos schmalen Pfad zwischen Gut und Böse
Herzenswünschen und niedrigen Spekulationen
Er möge uns ganz nahe sein in unserer Not
Wenn wir uns im dornigen Gestrüpp der Wirklichkeit verlieren
Er möge uns in den großen anonymen Städten wieder an die Hand nehmen damit wir seiner Fantasie folgen können
Und auf dem weiten flachen Land wollen wir ihn auf unseren Wegen erkennen
Er möge uns vor falschen Horizonten und dunklen Abgründen bewahren
So daß wir nicht in Richtungen wandern die uns im Kreise und an der Nase rumführen
Er möge unseren kleinen Alltag betrachten den wir mal recht mal schlecht bestehen müssen
Die 12 Stunden Unrast und die 12 Stunden Ruhe vor dem Sturm
Er hat den Tag und die Nacht geschaffen
Hat auch den Alltag gemacht und den Schlaf
Die 12 Stunden eilen und kümmern und laufen
Und sorgen und streiten und ärgern und schweigen
Und die 12 Stunden ausruhen und nichts mehr sehen 
Und hören
Gott hat auch den Traum und das tägliche Leben geschaffen
Und er möge uns die vielen Streitigkeiten von morgens bis abends verzeihen
Das Hin und Herlaufen zwischen den vielen Fronten
Und all die Vorwürfe die wir uns gegenseitig machen
Möge er in herzhaftes Gelächter verwandeln und unsere Bosheiten in viele kleine Witze auflösen
Wir bitten ihn Zeichen zu setzen und Wunder zu tun daß wir von all unseren Schuldzuweisungen ablassen und jedwedem Gegner ein freier Gastgeber sind
Er möge uns von seiner Freiheit ein Lied singen 
Auf daß wir alle gestrigen Vorurteile außer Kraft und alle Feindseligkeiten außer Gefecht setzten
Er möge uns von seiner großen zeitlosen Zeit ein paar Stunden abgeben
Und – Er kann gewiß nicht überall sein –
Er möge in unsere Stuben kommen und unsere Habseligkeiten segnen unsere Tassen und Teller, die Kanne, die Zuckerdose und den Salzstreuer, die Essigflasche und den Brotkorb
Er möge vor allem die Kinder schützen und die Tiere vor jeglicher Willkür
Ja, Er möge sich zu uns an den Tisch setzen und erkennen 
Wie sehr wir ihn alle brauchen, überall auf der ganzen Welt
Denn wer will uns erlösen von all unserem weltgeschichtlichen Wahn
Auch von unseren täglichen Lebenskonflikten
Gott unser Herr möge auch manchmal ein Machtwort sprechen
Mit all jenen Herren, die sich selber zu Göttern ernannt
Die Menschen durch Maschinen ersetzen und für Geld Kriege führen
Und mit Drogen alle Zukunft zerstören
Er möge sich unser erbarmen
Am Tage und in der Nacht
In der großen Welt und in der kleinen Welt unseres Alltags
Er möge uns unsere Krankheiten überstehen lassen 
Und uns in der Jugend und im Alter seine Schulter geben, damit wir uns von Zeit zu Zeit, von Gegenwart zu Gegenwart, an ihn anlehnen können, getröstet, gestärkt und ermutigt.

Hanns-Dieter Hüsch, Aus: Das Schwere leicht gesagt.